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Full text of "Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes"

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DIE 

ANDERE 

SEITE 



EINE MASSENPSYCHO- 
LOGISCHE STUDIE ÜBER 
DIE SCHULD DES VOLKES 
VON DR. ALFRED ADLER 
NERVENARZT IN WIEN 





WIEN 1919 
VERLAG VON LEOPOLD HEIDRICH 



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DIE 

ANDERE 

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EINE MASSENPSyCHO 
LOGISCHE STUDIE ÜBER 
DIE SCHULD DES VOLKES 
VON DR. ALFRED ^DLER 
NERVENARZT IN WIEN 



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WIEN 1910 
VERLAG VON LEOPOLD HEIDRICH 



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LÄ,/ r ' 



Wenn man in der Hauptstadt des verflossenen Habs- 
burgerreiches um 12 Uhr mittags seine Schritte zur 
Hofburg lenkte, rauschten einem die verwegenen Klänge 
der österreichischen Militärmärsche entgegen. Eine Menge 
Volkes begleitete da die aufziehende Burgwache. Bürger 
und Plebs, Mädchen und Männer und Kinder gingen mit 
stolzen Gebärden und taktfest bis in den Hof der alten 
Burg mit und blickten gespannt auf die Ablösung der Wach- 
mannschaft. Und wenn der Tambour den Stab erhob, da 
erhoben sie nicht nur die Köpfe, sondern auch ihre Herzen 
pochten im Marschtempo mit. 

Täglich war diesem Volke in den Schulen die Ver- 
ehrung des Herrscherhauses ins Gehirn gehämmert worden. 
Alle Lieder seiner Kindheit schmeichelten ihm in wunder- 
vollen Tönen das Lob der Gesamtmonarchie in die Ohren. 
Gefälschte Geschichtswerke prahlten mit dem kriegerischen 
Ruhm des Gesamtvaterlandes und seiner erzherzoglichen 
und aristokratischen Heerführer und verführten die Seelen 
der Knaben, im Kriegs mprd und in den Schlachten mysti- 
sche Wonnen zu suchen. 

Von den Kanzeln predigten unablässig tausende von 
beredten Zungen Knechtseligkeit und Sklavengehorsam. 
Jeder Lehrstuhl weihte den gelehrigen Schüler in die Kunst 
des Bücklings ein. 

In den Friedensgesellschaften gähnte die Langeweile; 
kein Ko.pf, kein volkstümlicher Hauch fachte eine gegen- 
sätzliche Bewegung an. 

1 

M148817 



Zeitungen und Zeitschriften, Politiker und Parteien 
buhlten um die Gunst der Herrschenden. Die Kunst suchte 
Staatsanstellungen 'oder spähte nach dem Einlaß ins Hof- 
burgtheater. 

Wer in die Politik verschlagen wurde, endete in efner 
Parteianstellung. Und die Parteien selbst hielten sich 
ministrabel, auch wo sie regierungsfeindlich auftraten. 
Traten oft regierungsfeindlich auf, um ministrabel zu 
werden. Beziehungen und Hofgängerei rundeten jede 
oppositionelle Gebärde ab. Organisation wurde so Lahm- 
legung des revolutionären Elans, und kraftvolle Persönlich- 
keiten erschienen neben glatten Politikern als dickstirnig 
oder verströmten ihr Feuer endlich in den Räumen der 
Parteibureaus. 

Jahrzehntelang währte diese Dressur eines weichen 
Volkes und erzog es zur Selbstunsicherheit und zum Ge- 
horsam gegen die Oberen. 

Da kam der Krieg und niemand wußte woher. Nach 
allen Regeln erprobter Kriegskunst warfen sie dem Volk 
ein undurchsichtiges Tuch über den Kopf. Wieder rauschte 
das militärische Blech auf, gemietete Banden zogen durch 
die Straßen, halbidiotische Klopffechter hielten eingeblasene 
Stachelreden, in denen viel vom eigenen Adel und von 
der Niedertracht der anderen die Rede war, ebenso von 
einem ganz kurzen Krieg und von einem glänzenden Sieg. 
Das Volk glaubte durch den dichten Schleier ein Licht 
zu sehen, fühlte vorerst aber nur seine Ohnmacht. 

Da setzte der Generalstab mit seinen Lügennachrichten 
ein. Vergiftete Brunnen tauchen auf, gesprengte Brücken 
mitten im Hinterland, in Martern gestorbene treue Grenz- 
bewohner. Die Vergewaltigungen, Brandschatz;ungen, 
Kreuzigungen, die Verbrennungen, die schamlosen Hinter- 



listen, die Verwendung verbotener Mordwaffen, alle zu 
Lasten der Feinde, nahmen kein Ende. Dann setzte die 
Hatz auf Spione ein. 

In jedem Tramwayabteil, an den Türen der Eisen- 
bahnwaggons, in jedem Pissoir hingen die Warnungen 
vor Spionen. Fortwährend hörte man von Verhaftungen 
und von Verrat. Das Volk verlor vollends den Kopf, 
keiner traute dem andern. Wer noch gerne ein freies 
Wort gesprochen hätte, hielt es zurück, aus Furcht, auf 
einen Spion oder auf einen Angeber zu stoßen. 

Die Zensur spannte ein eisernes Netz über Stadt und 
Land. Gerüchte über Todesurteile im Felde wegen harm- 
loser kritischer Bemerkungen in Briefen für die Heimat 
machten das Briefeschreiben zu einer ängstlichen Ange- 
legenheit. 

Überall hörte man von Todesurteilen und Verhaftungen, 
jedes kritische Wort, auch in der besten Absicht gesprochen, 
schien oder war von unabsehbaren Folgen bedroht. Weige- 
rungen im Dienst oder Widerspruch gegen Befehle zogen 
die schwersten Ahndungen nach sich. Die Fälle von sofor- 
tiger Tötung wegen geringer Grade von Widersetzlichkeit 
mehrten sich und hielten fortgesetzt die Bevölkerung in 
Aufregung. 

Vergebens blickte das Volk nach Rettung aus. Die 
Stadt erhoffte sie vom Lande, das sich .meist begnügte, 
die Nahrungsmittel zurückzuhalten, um so das Ende des 
wider Erwarten langwierig gewordenen Krieges zu be- 
schleunigen, das Land rechnete mit Aufständen in der Stadt. 
Journalisten, und was Österreich-Ungarn an Schriftstellern 
bot, suchten, meist vergeblich, hirnrissige Pläne und Be- 
geisterung für den Krieg und für die Heerführer in die 
Menge zu tragen. Die Feinde des Krieges unter ihnen und 

3 



in den Volksparteien traten schwächlich auf, waren auch 
durch die gewaltsame Schließung des Parlaments in ihrer 
Wirksamkeit unterbunden. Bald gaben sie das Rennen auf 
und hielten sich in den Schranken der Zensur, bezogen 
vielfach ihr Lager im Kriegspressequartier und Kriegsarchiv 
oder flüchteten ins Ausland. Auch von den nichtdeutschen 
Nationen, die sich national bedrängt fühlten, war so wenig 
Widerstand zu erwarten, daß selbst kriegsgegnerische Ab- 
geordnete dem Grafen Stürgkh vorwarfen, er habe durch 
die Schließung des Parlaments die sicher zu erwartende 
Kriegsbegeisterung der slavischen Nationen unterbunden. 
Am stärksten rechnete das Volk auf den Widerstand der 
Czechen, die den Zeitpunkt ihres Losschiagens leider auf 4^2 
Jahre nach Ausbruch des Krieges verlegt hatten und selbst 
in den Tagen von Brest-Litowsk nicht unruhig wurden, 
als die Arbeiter des jetzigen Deutsch-Österreich unabhängig 
von ihren Führern der Sache ein Ende machen wollten. 

Ununterbrochen rollten Züge mit Menschenmaterial 
auf das Schlachtfeld. Die ihnen zuwinkten, sie aufmunternd 
grüßten, taten dies, wie man Totgeweihte durch Zuspruch 
zu trösten sucht. Und die aus den Pferdewagen grüßten 
und dankten, hatten nicht zum wenigsten aus Stolz ihre 
Fassung und ihren Übermut bewahrt. Aus den Inschriften 
und Zeichnungen an den Eisenbahnwaggons, die zu Beginn 
des Krieges den gesunkenen Mut der Masse aufstacheln 
sollten, grinste die Muse des General'stabs. Nicht anders 
aus den täglichen Heeresberichten und Kriegsschilderungen 
der Tageszeitungen. 

AVer' durch Beziehungen, Bestechung oder durch mehr 
oder weniger fadenscheinige Gründe dem. Kriegselend aus- 
weichen konnte, scheute keine Opfer. Viele Instanzen, vom 
Feldwebel aufwärts, erlagen solchen konzentrischen Angriffen. 



Auch Ärzte und vornehme Damen, die als Pflegeschwestern 
eingekleidet waren, standen vielfach offen im Ruf, ab- 
wechselnd mit Milde und Strenge ihres Amtes zu pflegen. 
Andererseits stand dem Militarismus ein Heer von Ärzten, 
erprobten Karrieristen, willig zur Verfugung, die sich wie 
die Maschinengewehre hinter den »kriegslustigen« Menschen 
aufstellten. Sie blieben im Lande, nährten sjch redlich und 
waren nur für Beförderungen, Orden und für ein freund- 
liches Lächeln der Oberen zu haben. Von den Furien des 
Größenwahns besessen, den sie für Patriotismus und Kriegs- 
begeisterung hielten, entdeckten viele von ihnen Foltern 
und Martern vergangener Jahrhunderte, um durch ein 
»Minimum von Annehmlichkeit« zusammenbrechende Mit- 
menschen aufzupeitschen und in den Tod zu jagen. Nicht 
nur die Front, auch das Hinterland drohte mit Tod und 
Verderben. 

Immer wiederholte Musterungen spien immer neue 
Menschenleiber an die Mündung der Kanonen. Mit Hohn 
und Spott wurden Einwendungen gegen die Diensttauglichkeit 
angehört. Bald gab es kein Leiden, das in den Augen eigens 
ausgewählter Generäle und schnauzbärtiger Oberste galt, 
keinen Einwand ehrlicher Musterungsärzte, der jenen stich- 
hältig schien. Das Volk sah die vielen gemusterten Krüppel 
und schauderte. Ein stiller, unermüdlicher, erbitterter Kampf 
spielte sich zwischen dem Volke und den Musterungs- 
kommissionen, der Masse und den Ärzten ab. Man musterte 
die Prüfungskommissionen, suchte strenge zu vermeiden 
und drängte sich zu den milden. Man überlief die Ärzte, 
um sich ein wirkungsvolles Attest und so eine mildere Be- 
urteilung zu verschaffen, und man konnte akademisch ge- 
bildeten Personen als Offiziersburschen, Großkauf leuten und 
Fabrikanten gelegentlich als Handlangern in einem mili- 



«■ 



tärischen Warenmagazin begegnen. Großangelegte Ent- 
hebungsaktionen förderten die Befreiung kapitalskräftiger 
oder protegierter Männer. Die maßgebenden Ämter konnten 
sich nicht vor den zahllosen Beeinflussungen retten. Sie 
hatten oft als schwerste Aufgabe das Hervorholen solcher 
Protektionskinder aus dem Stacheldraht ihrer »Beziehungen« 
vor sich. Es galt als Schande, ohne Beziehungen zu sein 
und sich den militärbehördlichen Verfügungen ohne Kampf 
zu unterwerfen, eine Schande, die so recht nur für den 
armen Teufel von Volk paßte. Der hinwiederum merkte 
gar bald den Spaß und suchte auf jede Weise dem Front- 
dienst zu entschlüpfen, zu welchem Zwecke ihm wirkliche, 
eingebildete oder simulierte Leiden verhelfen mußten. Dabei 
stieß man wieder auf die festgefügte Front der Ärzte, die 
zum Teil in einem unerschütterlichen Militärkoller, andern- 
teils aus Furcht vor Abkommandierungen die Front mit 
Gesunden und Kranken speisten und dabei die sträflichsten 
Mittel nicht scheuten. Aber bis zum Schluß des Krieges 
gab es Menschen, die sich den schrecklichsten Hungerkuren 
unterwarfen, um sich ungeeignet zu machen, andere von 
Haus aus weniger geeignet, verfielen in monatelang 
dauernden Schlaf, stellten sich stumm oder taub, und 
tausende büßten ihre Gehfähigkeit ein oder verfielen in ein 
krampfhaftes Zittern und erklärten so dem Verstehenden 
ihre Abneigung gegen den Krieg. Scharfsichtigen Beobachtern 
entging es auch nicht, daß bei der Auswahl die eigene 
Nation tunlichst geschont, die fremde härter angefaßt 
wurde, wie man auch stets von Seite der Obrigkeit be- 
strebt war, die Nationen derart durcheinander zu werfen, 
daß die Entscheidung über ihre Dienstfähigkeit fremden 
Offizieren und Ärzten anheimgegeben war. Rings um das 
arme, verzweifelnde Volk starrten die Schrecken des Todes, 



-va^*r- 



des Gefängnisses, der Nervenabteilungen, nirgends erstand 
ein Retter für die Menge, und ihre stumme Qual blieb 
ungehört in dem Lärm der bezahlten und bestochenen 
Korybanten. Dann kam der Hunger und die endlos langen 
Reihen verzweifelnder Weiber und Kinder, die tage- und 
nächtelang in Regen und Schnee vor den beutelüsternen 
Kaufmannsläden standen. Was konnte der Wille dieser 
Sklavenherde gelten, wenn es um Krieg oder Frieden ging ! 

Diesem stets religiösen Volke ging aller Glauben ver- 
loren. Wer in dieser Menschen Seele zu lesen verstand, sah 
ihre erschütternde Verzweiflung und ihre bange Hoffnungs- 
losigkeit. Die Tat Friedrich Adlers weckte allenthalben 
stille Begeisterung. Die wich wieder stummer Resignation, 
als alles ruhig blieb. Nur im Dunkel der Nacht konnte 
man gelegentlich rebellisches Flüstern hören, und am 
Ende des vierten Kriegsjahres tönte der Name Wilsons 
wie ein verhaltener Hilferuf von allen Lippen. 

Immer fester würgten Generalstab und Kriegsge.winner. 
Der Haß des Volkes stieg ins Ungemessene und hat bis 
in unsere Tage nichts von seiner Schärfe verloren. Am 
deutlichsten drückte sich gleich zu Beginn des Krieges 
die Unlust zum Waffenhandwerk in Massendesertion und 
Überläufertum aus, die eine ständige Sorge der Heer- 
führer ausmachten. Umsonst war da der so beliebte 
patriotische Bauchaufschwung, umsonst die weltlichen und 
geistlichen Beschwörungsformeln in allen Zungen der Mon- 
archie. Schon beim ersten Rückzug aus Rußland ließen 
sich so viele in die Hände des Feindes fallen, daß zur 
Abschreckung ein von Mund zu Mund geflüsterter Befehl 
herausgekommen sein soll, von den Zurückbleibenden aus 
jedem Regiment zwei Mann zu erschießen. Die Feldpolizei 
hielt die Nachlese. Sonst half man sich mit Maschinen- 



-'*;*. £.i&r?^ 



gewehren im Rücken der Truppen, wenn es irgendwo an 
Kampfeifer gebrach. Täglich wurde von Greueltaten be- 
richtet, die der Feind an Gefangenen verübte, — aber die 
Zahl der vom Feinde Gefangenen wuchs. Wer darf sich 
wundern, daß die Mehrzahl von ihnen Slaven und Italiener 
waren ? Sie konnten mit dem Feinde sprechen, auf Spuren 
brüderlichen Entgegenkommens hoffen oder auf die freund- 
liche Gesinnung der Entente. Was aber erwartete die 
Deutschen, die . Ungarn ? Ist es wirklich bemerkenswert, 
daß sie standhafter geblieben waren? 

In den höchsten und niedrigsten Stellen saßen Slaven 
genug, die ihrem Dienst mit Lust und Liebe oblagen. 
Ein tschechischer Regimentsarzt beantwortete die Frage 
nach den Kranken bei der Truppe: »Unsere Medikamente 
sind Kolbenstöße ! « Ein tschechischer Stabsarzt verhinderte 
eine Kommandierung eines andern Tschechen durch den 
Hinweis, daß dieser »Sokol« wäre, demnach politisch un- 
zuverlässig. Der Druck der zahlreichen slavischen Vor- 
gesetzten machte sich in gleichem Maße fühlbar wie der 
der andern. Für den Vorurteilslosen gab es keine Unter- 
schiede in der Ablehnung des Krieges, höchstens die 
Methoden waren andere. Auch Gehässigkeiten unter den 
Soldaten aus nationalen Gründen kamen selten zum Vor- 
schein. Alle fühlten das gleiche Leid, alle grüßten sich 
stumm als Gefangene des Krieges, den sie nicht ver- 
schuldet hatten. Trüben Blickes suchte jeder das rettende 
Gestade, während im trüben Gewässer die Galeere träge 
dahinschwamm. Irrsinnige Schreie durchschnitten die Luft. 
Einem hatte ein Gott, — der öfters als man glaubt, mit 
den Wahnsinnigen ist, — das Wort eingegeben, das er 
unermüdlich Ärzten und Wärtern entgegenrief: »Laßt 
mich ! Ich muß die Menschheit erlösen ! Denn ich habe 



auf dem Monte Santo den Kelch des Leidens getrunken ! « 
Feige Schani hielt die Gesunden noch ab, in seinen Ruf 
einzustimmen. An der Front und in der Etappe fand man 
alle Nationen der Monarchie friedlich und einträchtig im 
Warenhandel vertieft. 

Dies ist das wahre Seelenbild eines Volkes, dem man 
vor der Mitwelt und vor der Gevschichte die Schuld an dem 
gräßlichen Verbrechen aufbürden will. Wie kam es aber, 
daß keiner der musternden Offiziere und Ärzte an dem 
Willen zum Krieg geglaubt hat? Daß im Gegenteil jeder 
von ihnen unerschütterlich die heftigste Ablehnung des 
Kriegsdienstes annahm und feststellte, daß sogar Ärzte zu 
denrohesten Zwangsmitteln griffen, weil sie in jedem Kranken 
einen Drückeberger vermuteten? Daß eine Unzahl von Be- 
fehlen die Aufmerksamkeit auf das Ausreißertum lenkte, daß 
die Militärgerichte immer nur auf Abschreckung hinzielten ? 
Eingepfercht zwischen unfaßbaren Gewalten blieb 
diesem verhetzten, versklavten, schmählich mißbrauchten 
Volke nur jenes Mittel des Widerstandes übrig, das sich 
immer in ähnlichen Fällen einer zersplitterten, von Miß- 
trauen erfüllten Masse aufdrängt : die geheime passive 
Resistenz. An ihr krankte die ganze Armee. Die Ab- 
lieferungen aus Stadt, Ländern und Landgemeinden ge- 
schahen saumselig. Ausrüstung, Marschformation und 
Reorganisation, Transporte und Abtransport der genesenen 
Soldaten geschahen mit größter Unpünktlichkeit. Über 
Verschleuderung und Vergeudung der Nahrungsmittel, über 
den Mangel der rechtzeitigen Nachschübe hörte man stets 
die verwunderlichsten Dinge. Zu allen offenen Leistungen 
des Widerstandes fehlte diesem Volk, dem eine Decke 
übers Haupt gezogen war, das einigende Band des gegen- 
ütigen Vertrauens, ein starkes, geschultes Gemeinschafts- 



•1 



gefühl. Da keine der vielen Nationen der ehemaligen 
Monarchie ein solches besaß, kam es bei keiner Nation zu 
einheitlichen, offenen Revolten, mit Ausnahme des Januarauf- 
standes der deutschösterreichischen Arbeiterschaft, der nicht 
durch die Schuld dieser entschlossenen Masse in nichts zerrann. 

Als der Zusammenbruch kam, da jubelte das Volk im 
Vollgefühl seiner wieder errungenen Freiheit. Wie ein Sieger 
schritt es durch die Straßen Wiens. Sein wahrer Feind, 
der Generalstab, das Ausbeutertum und die herrschenden 
Klassen, war unterlegen. Und nun rollt die Woge immer 
weiter nach links. Das Volk hat seine Niederlage im Juli 
1914 erlitten. Seine Kriegskontribütion war hart und grau- 
sam gewesen, seine Sklaverei hatte 4 x / 2 Jahre gedauert. 
Nun war es frei ! 

Frei? Schon melden sich andere Bedrücker. Ein zweiter, 
ein dritter Sieger steht bereit, um Volk durch Volk zu 
unterjochen. Dem Kenner der Höhen und Tiefen mensch- 
licher Tragikomödie ist es eine dankbare Aufgabe, der 
vielen Schergen zu gedenken, die heute in den nicht- 
deutschen Ländern der ehemaligen Monarchie im Festkleid 
des Siegers einherschreiten und vor kurzer Zeit noch den 
ehemaligen Machthabern dieses zerfallenen Staates allseitige 
Dienste zur Hebung der Krieglust geleistet haben. Um 
nur ein Beispiel zu erwähnen : die meisten der berüchtigten 
elektrischen Folterungen mit dem Starkstrom dürfte, 
— allerdings unter »wissenschaftlicher« Patronanz — ein 
polnischer Militärarzt am Kerbholz haben. Als einst eine 
verwunderte Anfrage aus dem Felde kam, warum ein Mann 
mit Glotzaugenkrankheit und Lungentuberkulose auf Geheiß 
eines slavischen Kommandanten ins Feld geschickt worden 
sei, und dies trotz ausdrücklicher Feststellung seines 
Leidens, mußte auf Befehl die Auskunft gegeben werden, 

10 



l \*W* 



»weil sich solche Fälle erfahrungsgemäß an der Front 
leichter erholten.« 

Nun haben die Machthaber der Zentralmächte <vor den 
Ententeregierungen kapitulieren müssen. Jetzt hätte das 
tief geknechtete, schändlich mißbrauchte Volk aufatmen 
können. Nun hätten alle zur Rechenschaft gezogen werden 
müssen, die ein unwissendes, in zwölf Stämme zerrissenes, 
führerloses Volk in den Krieg getrieben haben. Regierungen 
und ihre Handlanger, Verführer des Volkes, Quälgeister 
der eigenen, fremder Nationen und der Gefangenen, Kriegs- 
gewinner und Volksausbeuter, durch Ehren und Titel und 
Geld bestochene und sadistische Richter, Ärzte,, militärische 
Vorgesetzte hätten vor der entweihten Menschheit Rechen- 
schaft abzulegen, Schadenersatz zu leisten und am Aufbau 
zerstörter Stätten teilzunehmen. Nicht anders die Kriegs- 
dichter, Zeitungsschreiber und Schriftsteller, die nie die 
Meinung des Volkes, das sie nicht gekannt haben, vertraten, 
sondern den Generalstab, sofern sie nicht aus Wahn- 
witz, sondern aus selbstsüchtigen Gründen handelten, 
um ihr Geschäft zu machen, um enthoben zu werden oder 
um im Kriegspressequartier und Kriegsarchiv Unterschlupf 
zu finden. Auch der Seelsorger und jener Männer der 
»Wissenschaft« wäre nicht zu vergessen, die bis in die 
letzten Wochen durch ihre Stimmen den Leidensschrei der 
Völker übertönten und den Siegfrieden begehrten. Weg 
mit aller falschen Scham ! Wer dieses in seiner Menschen- 
würde tief verletzte, geknebelte Volk gesehen und ver- 
standen hat, das zur Schlachtbank getrieben wurde, der 
wird nicht müde werden, in die Welt hinauszuschreien : 
dieses Volk war unmündig und wurde mit allen Mitteln der 
List und Gewalt in Unmündigkeit gehalten! Es kannte keine 
Mittel der Gegenwehr, es besaß keine Führer, deren Stimme es 

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hätte lauschen können ! Seine Niederlage vollzog sich schon 
bei Beginn des Krieges, und es hat seinen eigenen Macht- 
habern eine Kriegskontribution gezahlt, wie sie nie erhört 
war: das teuerste Blut ist verströmt, Hunger und Krankheit 
grinst aus den Gesichtern, die Seelen der Kinder sind 
heillos vergiftet, brach liegen Landwirtschaft und Industrie. 

Jetzt, wo das Volk mündig werden soll, wo nur ein 
gewaltiger Strom erwachender Gemeinschaftsgefühle Rettung 
bringen kann, wo die wieder erweckte Menschenwürde nach 
Bestrafung der wirklich Schuldigen schreit, um das Ver- 
trauen zur Menschheit wieder zu gewinnen, — bedroht 
uns die Regierung der Entente mit neuer Knechtschaft, 
foltert weiter das eben gefolterte Volk. 

»Ist es aber auch wirklich so, daß Euch Österreicher 
die Regierung vollständig unterdrückt hat? Und Ihr 
konntet Euch wirklich nicht rühren? O, so erlaubt, daß 
wir Euch auch ein wenig unterdrücken ! « In diesem Lichte 
muß uns heute das Verhalten der westlichen Machthaber 
erscheinen. 

»Aber die Kriegsfreiwilligen!« wird man mir ein- 
wenden. Nun will ich zeigen, daß gerade an diesem 
Punkte sich die Beweisführung zu unseren Gunsten neigt. 
Ich glaube, ich habe alle Abarten von ihnen gesehen und 
geprüft. Als ich bald nach Kriegsbeginn zugunsten älterer, 
freiwillig eingerückter Ärzte vorsprach, um ihre massen* 
hafte Versetzung zu verhindern, da antwortete man mir 
hohnlachend: »Glauben Sie, wir wissen nicht, daß die nur 
freiwillig eingerückt sind, weil sie gehofft haben, auf diese 
Weise einer Versetzung zu entgehen?« Ich konnte nur 
erwidern, daß die nicht eingerückten Ärzte die gleiche 
Hoffnung hatten. Die meisten der freiwillig Eingerückten, 
Mannschaft wie Offiziere, hatten schon bei ihrer Meldung 

12 






einen Posten oder eine Truppengattung im Auge, und 
hatten auch anfänglich nicht zu unterschätzende Vorteile. 
In ihrer Not suchten sie das kleinere von zwei Übelji. 

Daneben gab es freilich eine kleinere Gruppe von 
Abenteuerlustigen, die in ihrem Unverstand mit einem ganz 
kurzen, fröhlichen Krieg gerechnet hatten und sich an die 
Front meldeten. Größer war die Zahl der Entgleisten, die 
diesen Weg wählten, um den Unannehmlichkeiten ihres 
Heims, ihres Berufes und anderer drängender Fragen zu 
entgehen. Da rückten Söhne an, die in Hader mit ihren 
Eltern lebten, die an die Front gingen, wie man einen 
Selbstmord verübt. Dann wieder Ehegatten, die in der 
Wut gegen ein verfehltes Leben handelten^ »Fünfmal bin 
ich freiwillig an die Front gegangen und fünfmal hat man 
mich zur Beobachtung meines Geisteszustandes zurück- 
geschickt,« klagte mir ein Rittmeister mit. zwei Schädel- 
Schüssen, der ehemals aktiv zu - Beginn des Krieges aus 
Amerika eingerückt war, wo er ein wüstes Leben ge- 
führt hatte. 

Die meisten von ihnen aber, und auch der größte 
Teil aller, die Schwung und Haltung bewahrten, waren 
nichts anderes als Opfer einer falschen Scham. 
Wer nur nach Hurra- und Hochrufen, nach prahlerischen 
Reden und übermütigen Liedchen urteilen wollte oder nach 

Idem Drang sogar, sich auszuzeichnen, wie er zu Beginn 
des Krieges nicht selten zu sehen war, der verstände sich 
schlecht auf die Menschen. Eingepfercht, die Decke über 
dem Kopf, — so hörten wir alle den unerbittlichen Ruf 
zum Sterben. Nirgends war ein Ausweg, nichts konnte 
Rettung vor der Kugel des Profossen gewähren. Da taten 
sie, was in solcher Lage wenigstens die bedrückte Seele 
erleichtert: sie machten aus der Not eine Tugend! In 



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dem Chaos, das sich vor ihnen auftat, griffen sie nach 
dem Ruf, der vom Generalstab ausging, und noch wider- 
strebend, taumelten sie bereits in die Richtung, wohin der 
Befehl sie wies. Und mit einem Male war ihnen, als ob 
sie selbst den Ruf ausgestossen hätten. Da wurde es 
lichter in ihrer Seele. Sie hatten den ersehnten Ausweg 
gefunden. Nun waren es nicht mehr gepeitschte Hunde, 
die man gegen ihren Willen dem Kugelregen preisgab, — 
nein, Helden waren sie, Verteidiger des Vaterlandes und 
ihrer Ehre! Sie selbst hatten ja den Ruf ausgestossen, 
' und so zogen sie als Verfechter des Rechtes in den 
heiligen Kampf. Was den einzelnen noch immer verhindert 
hätte, das Bli\t von Brüdern zu vergießen, die heilige 
Scheu vor Menschenmord, schwand dahin im Rausche des 
wiedergefundenen Selbstgefühls und im Gefühl der Un- 
verantwortlichkeit, das sich bei Massenbewegungen ein- 
stellt. In dieser seelischen Befreiung vom Gefühl tiefster 
menschlicher Erniedrigung und Entwürdigung, in diesem 
krampfhaften Versuch, sich selbst wieder zu finden, wichen 
sie scheu der Erkenhtnis aus, nur armselige Opfer fremder 
Machtgelüste* zu sein und träumten lieber von selbst- 
ge wollten und selbstgesuchten Heldentaten. Zu Anfang des 
Jahres 1917 gelang es mir diesen seelischen Vorgang einem 
kleinen Kreis der Öffentlichkeit zu enthüllen. Ich schrieb 
damals in der »Internationalen Rundschau« (Zürich, Ver- 
lag Rascher) ungefähr folgendes : Wer uns, nur mit anderen 
Worten, sagt, was wir auch aus dem Militärreglement 
entnehmen können, hat abzutreten. Denn er kann uns nie 
etwas Neues über den Krieg sagen. Er hat den Gott des 
Generalstabs geschluckt, und der spricht nun aus ihm. 
Nicht aus Sympathie aber oder aus kriegerischen Gelüsten 
hat er sich so verwandelt. Sondern als er sich versklavt, 

14 



besudelt am Boden krümmte und in seiner Herzensnot 
jede Richtung verloren hatte, als er sich in tiefster Schande 
aller Freiheit und Menschenrechte beraubt sah, da griff er, 
um nur irgend einen Halt zu gewinnen, nach der Losung 
des übermächtigen Unterdrückers und tat so, als ob er 
die Parole zum Krieg ausgegeben hätte. Nun hatte er 
wenigstens einen Halt und war der Schande und des 
Gefühls seiner Erbärmlichkeit ledig. 

In der Armee, und bei den Ärzten erfreuten sich die 
Kriegsfreiwilligen nicht lange an ihrem Nimbus. Man fand 
bald die widerwilligsten Soldaten unter ihnen. Man erwartete 
bald nicht mehr Vorzüge bei ihnen zu entdecken, da man 
allzu oft vernahm, wie sie bei Urlauben, Einteilungen, 
Dienstverwendungen und Krankheitserklärungen auf ihr frei- 
williges Einrücken pochten. So geschickt wie der kleine, 
schwarzhaarige Kriegsfreiwillige traf es freilich nicht jeder, 
der nach einigen Tagen seines Frontdienstes eine Zitter- 
neurose simulierte, und, um einen Urlaub zu erhalten, sich 
sofort wieder ins Feld meldete. Während sein Befund be- 
raten wurde, sprang er auf den Tisch, tanzte der Kom- 
mission vor der Nase herum und beteuerte ununterbrochen, 
daß er zu Kriegsbeginnn freiwillig eingerückt sei. Der 
Befund lautete auf längeren Urlaub und Verwendung im 
Hinterland wegen auffälligen Benehmens. Daß es auch 
Edelmenschen unter ihnen gab, zeigte ein anderer Mann, 
der nach einer geheilten Schußwunde vor seiner neuerlichen 
Einrückung einen Urlaub erhalten sollte. Er wies den 
Urlaubschein zurück mit den Worten: »Jetzt ist nicht die 
Zeit für einen solchen Schwindel. Es geht mir wirklich 
nicht um den Krieg, den hätten wir alle schon satt. Aber 
ich* bringe es nicht über mich, meine Freunds und Ka- 
meraden allein im Felde zu lassen.« 

15 



Über die Schuld dieses Volkes könnte nur urteilen, 
wer in seiner Mitte geweilt hat. Wie ungleich milder sind 
z. B. diese Kriegsfreiwilligen zu beurteilen als etwa ein 
Gelehrter, der noch 6 Wochen vor dem Zusammenbruch 
mit Eifer einen Siegfrieden verlangte, »weil wir sonst der 
Tuberkulose nicht Herr werden könnten.« 

Nein! Wer in seiner Mitte geweilt hat, wird dieses 
Volk von jeder Schuld am Kriege frei sprechen. Es war 
unmündig, hatte keine Richtungslinien und keine Führer. 
Es wurde zur Schlachtbank gezerrt, gestoßen, getrieben. • 
Keiner sagte ihm die Wahrheit. Seine Schriftsteller und 
Zeitungsschreiber standen im Banne oder im Solde der 
Militärmacht. Aus der Schande seiner Entehrung versuchte 
es sich unter die Fahne seines Bedrückers zu retten. Aus 
Schamgefühl über die frühere und gegenwärtige Entehrung 
schweigt es noch heute. Wenn Menschen Sklavendienste 
leisten sollen, wenn sie hungern, frohnden, zahlen und büssen 
sollen, dann halte man sich an alle, die das Höllenwerk 
ersannen, vollbrachten und an ihm mit Vorbedacht teil- 
genommen haben. Dem Volke aber soll Abbitte geleistet 
werden. Wenden wir uns zur Beratung, wie ihm sein 
Schaden vergütet werden kann. 




DRUCK DER HERMES RUCH- UND KÜNSTDRUCKEREI GES. M.B.H., WIEN XVII. 



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Im gleichen Verlage sind erschienen: 

SOLLEN WIR UNS 
AN DEUTSCHLAND 
ANSCHLIESSEN? 

Eine zeitgemäße Kritik von 
Dr.A. SCHWONER 

|| PREIS: K 1.— 



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DEUTSCH- 
ÖSTERREICHS 
ZUKUNFT 

Politische und wirtschaftliche 
Ausblicke von KARL FRANKE 

PREIS: K1.50 



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Zu beziehen durch alle Buchhandlungen od. vom Verlag 

Leopold Heidrich, Wien, I. Spiegeig. 21 



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HMMIS-DRUCKIRII, WIBN XVII.